Kleider machen Leute – eine Erstaufführung

Gottfried Keller auf dem Umschlag
der Novelle «Kleider machen Leute»

Exklusiv für uns hat der vielseitig begabte Theatermann Andreas Berger die Novelle «Kleider machen Leute» von Gottfried Keller dramatisiert. Dabei hat er sich im Kern an den Verlauf der Geschichte gehalten, diese aber unseren Bühnenverhältnissen angepasst: Zwei Kinder eröffnen das Spiel, sie lesen die Novelle, treten dann in die Geschichte ein und führen das Publikum durch Hochstapelei, Lüge, Liebe, Hoffnungen und Intrige und dann zum scheinbar bürgerlich-harmonischen Ende.

Die Geschichte von der Hochstapelei des Schneidergesellen Wenzel Strapinski, der in der kleinen Stadt Goldbach für einen polnischen Grafen gehalten wird und aus Liebe zur Tochter des Amtsrat diese Lüge nicht auflöst, fasziniert seit ihrer Veröffentlichung.

Auch nach über 140 Jahren noch aktuell

Gerade in Zeiten von Fake News und der Optimierung des eigenen Ichs in sozialen Medien wie Facebook, Instagram und Snapchat zeigt dieser Stoff seine zeitlose Aktualität. Er handelt von menschlichen Träumen und Sehnsüchten und dem Wunsch mehr zu sein als das,
was einem die Realität am Morgen im Spiegel bietet.

«Kleider machen Leute» erschien erstmals 1874 im zweiten Band der Novellensammlung
«Die Leute von Seldwyla». Die Novelle gehört neben «Romeo und Julia auf dem Lande» zu
den bekanntesten Geschichten von Gottfried Keller.

Der Protagonist als Objekt von Projektionen und Profitstreben 

Ein Fokus der Komödie liegt dabei auf der liebevoll-satirischen Zeichnung des Goldbacher und später auch des Seldwyler (Klein-)Bürgertums. Der polnische Graf, der so unverhofft in das Städtchen Goldbach kommt, wird – vorab beim weiblichen Teil der Bevölkerung – zum Symbol aller (verdrängten) Wünsche, während sich die Honoratioren der Stadt mit diesem exotisch scheinenden Individuum eher schmücken wollen oder sich für ihre politischen oder beruflichen Ziele Vorteile versprechen.  

Auch wenn die Geschichte am Ende des 19. Jahrhunderts spielt, sind die Parallelen zu heute unübersehbar und Aha-Erlebnisse durchaus beabsichtigt. Gerade die zeitliche Distanz erlaubt
den klaren Blick und hoffentlich manche Erkenntnisse.

Andreas Berger